Kategorie: Shibaribegriffe

9 Pforten

Die 9 Pforten sind der theoretische und philosophische Kern des Osada-Ryû. Sie beschreiben die wesentlichen Elemente, die im Unterricht gelehrt werden. Alle Techniken sind auf diese Konzepte bezogen oder drücken sie aus.

Die 9 Pforten sind die folgenden Punkte:

  1. Tachi-ichi, 立位置 – (Position(ing))
  2. Ma-ai, 間合い – (Proximity)
  3. Sabaku, 捌く – (Rope Handling)
  4. Urawaza, 裏技 – (Hidden Techniques)
  5. Ki, 気 – (Energy)
  6. Kankyû, 緩急 – (Tempo & Rhythm)
  7. Kan, 勘 – (Intuition)
  8. Muganawa, 無我縄 – (Empty Mind)
  9. Kuden, 口伝 – (Oral Tradition)

Bakushi

Bakushi (縛師) bezeichnet den aktiven Teil im Shibari, den „Fesselmeister“. Eine Variante zu diesem Begriff ist „Kinbakushi“ (緊縛師), die aber weniger gebräuchlich ist. Japanisch ist eine sehr ökonomische Sprache und Begriffe, die aus einer langen Reihe von Kanji bestehen, werden in der Regel so weit wie möglich verkürzt.

Bakushi ist einerseits eine Selbstbezeichnung, aber auch eine Rollenbeschreibung. Der Bakushi hat, in einem Shooting, einer Performance, oder einer Session, eine klare Aufgabe. Es ist die Kompetenz im Umgang mit dem Seil, die einen Bakushi auszeichnet.

Osada Steve, Bakushi aus Tokio.

Osada Steve, Bakushi aus Deutschland. Seit über 40 Jahren prägt er Shibari in Tokio und mittlerweile auch weltweit. Sein Stil und seine Lehren inspirieren nicht nur die Juku, sondern auch zahlreiche andere begeisterte Shibaristas. Mittlerweile wird sein Stil auch von seinen Instruktoren in Deutschland und einigen besonders begabten Lernenden, zum Beispiel in Argentienien, den USA, Australien und Nordeuropa, unterrichtet.

Yukimura Haruki. Bakushi aus Osaka.

Yukimura Haruki, Bakushi aus Osaka. Den Grossteil seiner Karriere verbrachte er in Tokio. Sein Stil zeichnet sich durch Subtilität und Feinfühligkeit aus. Die grossen Geheimnisse, die die weichen Bewegungen umgeben, werden mittlweile in Schulen überall auf der Welt weiter unterrichtet. Leider verstarb er im Frühjahr 2016, so dass sein Erbe jetzt in den Händen seiner Instruktoren liegt.

Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Bakushi, die jeweils ihren eigenen Stil pflegen. Individuelle Stile und Vorlieben sind dabei deutlich. Von Performances auf grossen Bühnen bis zu kleinen, intimen Kammerspielen ist alles vertreten. Auch Crossovers mit anderen Formen von Kunst werden immer häufiger.

Engi

Engi bedeutet „Performance“ des Modells, also die aktive Beteiligung des Modells. Der emotionale Ausdruck wird dadurch intensiviert. Dies ist auch eine Herausforderung für das Modell, weil die Führung durch den Bakushi mehr Raum lässt.

Der Begriff geht auf alte Theatertraditionen, wie zum Beispiel im Nô-Theater, zurück. Der Künstler Zeami Motokiyo beschreibt einen der Höhepunkte der Performance als das „Erblühenlassen der Blüten“. Damit meint er das Aufscheinen einer besonderen Intensität im Spiel des Schauspielers. Dies ist im Nô besonders schwierig zu erreichen, da die Schauspieler stets Masken tragen. Sie können so ihre Mimik nicht einsetzen, sondern nur durch ihre Bewegungen und ihre Stimme Gefühlszustände ausdrücken.

Izutsu - Nô-Theater - Engi des Schauspielers

Ähnlich wie beim Nô-Theater geht es auch im Shibari darum, durch die Engi Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Der Minimalismus des Yukimura-Ryû ist dabei gleicht dabei der Maske vor dem Gesicht des Nô-Schauspielers.

Nur durch jahrelange Übung gelingt es, diese Engi zu perfektionieren. Dabei spielt einerseits die Kommunikation mit dem Bakushi, andererseits der Ausdruck zum Publikum hin eine wichtige Rolle. Nur durch die Dynamik zwischen Bakushi und Ukete entsteht auch eine passende Engi.

Minarabi

Minarabi bedeutet „Beim Sehen Lernen“. Diese Technik wird in vielen japanischen Handwerksberufen angewendet. Ein Lehrling beobachtet in der Anfangszeit den Meister, ohne selbst etwas aktiv zu tun. Nur durch das aktive und konzentrierte Zusehen lernt er bereits etwas.

Wenn der Lernende dann zum ersten Mal selbst aktiv etwas tut, hat der Körper bereits ein Gefühl für die richtigen Bewegungen entwickelt. Natürlich können diese Bewegungen noch nicht richtig ausgeführt werden. Doch der Lernende spürt, wie es sich anfühlen müsste, und kann sich selbst besser korrigieren.

Beim Shibari gilt das auch. Wer lange eine erfahrene Person genau beobachtet, kann dadurch sehr viel lernen. Wenn dann aktiv das Seil in die Hand genommen wird, begreift man, wie das alles gemacht wird. Da Shibari oft auf Bühnen und bei privaten Anlässen zu sehen ist, sollte diese Gelegenheit genutzt werden. Fans bestimmter Bakushi reisen zum Teil über weite Strecken an, um jede Gelegenheit zu nutzen, sie zu beobachten. Jede Performance ist eine Chance, Minarabi zu machen.

Minarabi: Einem Lehrer zusehen bildet die lernende Person.

Aufmerksames und intensives Zusehen spielt in Japan eine grosse Rolle. Die Verbindung zwischen Auge und Hand überträgt ein Gefühl für die „richtige“ Bewegung. Shibari ist besonders für diese Art des Lernens geeignet, weil es einem eigenen Rhythmus folgt.

Gleichzeitig kann dies jedoch Probleme schaffen. Wenn die Bewegungen zu deutlich und vorhersehbar sind, kann der Bakushi die Ukete nicht überraschen. Auch das (fachkundige) Publikum kann so im Laufe der Zeit den Stil der Bakushi erkennen. Zum Teil wurden darauf hin Techniken entwickelt, deren Zweck nicht offensichtlich ist, um so das Überraschungsmoment zu erhalten.

Nawajiri

Nawajiri ist der Begriff für den längeren Teil des Seils. Es wird auch als „laufendes Ende“ bezeichnet. Das Nawajiri kann auch das Ende des Seils kurz vor den Knoten sein. Es kann aktiv für die Kommunikation mit dem Modell genutzt werden und spielt eine grosse Rolle als reale und metaphorische Verbindung zwischen dem Bakushi und dem Modell.

Nawajiri - das laufende Ende des Seils.

Die Arbeit mit dem Nawajiri ist ein wesentlicher Teil der Ausbildung. Vor allem im Yukimura-Ryû spielt es eine prominente Rolle. Dieser minimalistische Stil betont die Tension und setzt eine grosse Sensibilität und Erfahrung voraus.

Tension

Tension bedeutet wörtlich „Spannung“. Meist wird damit die Seilspannung gemeint, also wie eng oder locker gefesselt wird. Im Yukimura-Ryû bezieht sich das allerdings auch auf die emotionale Spannung im Modell und dem Bakushi. Beide Aspekte beeinflussen sich gegenseitig und können benutzt werden, um intensive Stimmungen zu erzeugen.

Das komplexe Verhältnis zwischen der Seilspannung und der emotionalen Spannung eröffnet ein eigenes Spielfeld, mit dem sich bereites ganze Sessions gestalten lassen. Wie in vielen anderen Fällen auch sind die Parameter enge/lockere Fesslung und niedrige/hohe emotionale Spannung beliebig kombinierbar.

Ukete

Ukete (受け手) ist die Person, die das Seil empfängt. Alternative Begriffe wären „Bunny“ oder „Modell“. Ukete, wörtlich die „empfangende Hand“, ist ein geschlechtsneutraler Begriff und der Gegenbegriff zu Bakushi. Während „Modell“ sonst eher im professionellen Umfeld und „Bunny“ generell, aber mit Betonung auf den nicht-professionellen Gebrauch verwendet wird, ist Ukete noch ein recht neuer Begriff.

Ukete ist eine Rollenbeschreibung, die meist ausserhalb des Unterrichts verwendet wird. Ukete ist für alle Gender-Identifikationen problemlos möglich. Es gibt auch keine Unterscheidung zwischen Singular und Plural, Ukete bezeichnet also eine Einzelperson genauso wie eine Gruppe.

Dieser Begriff kann damit auf alle Geschlechtsidentitäten angewendet werden.

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