Kategorie: Yukimura-Ryû

Engi

Engi (演技) bedeutet „Performance“ von Ukete, also die aktive Beteiligung des Modells. Der emotionale Ausdruck wird dadurch intensiviert. Dies ist auch eine Herausforderung für Ukete, weil die Führung durch Bakushi mehr Raum lässt.

Der Begriff geht auf alte Theatertraditionen, wie zum Beispiel im Nô-Theater, zurück. Der Künstler Zeami Motokiyo beschreibt einen der Höhepunkte der Performance als das „Erblühenlassen der Blüten“. Damit meint er das Aufscheinen einer besonderen Intensität im Spiel des Schauspielers. Dies ist im Nô besonders schwierig zu erreichen, da die Schauspieler stets Masken tragen. Sie können so ihre Mimik nicht einsetzen, sondern nur durch ihre Bewegungen und ihre Stimme Gefühlszustände ausdrücken.

Izutsu - Nô-Theater - Engi des Schauspielers

Ähnlich wie beim Nô-Theater geht es auch im Shibari darum, durch die Engi Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Der Minimalismus des Yukimura-Ryû gleicht dabei der Maske vor dem Gesicht des Nô-Schauspielers.

Nur durch jahrelange Übung gelingt es, diese Engi zu perfektionieren. Dabei spielt einerseits die Kommunikation mit dem Bakushi, andererseits der Ausdruck zum Publikum hin eine wichtige Rolle. Nur durch die Dynamik zwischen Bakushi und Ukete entsteht auch eine passende Engi.

Ukete muss dabei die Balance finden zwischen dem eigenen Engi und der Führung durch Bakushi. Der Raum, der Ukete zugewiesen ist, muss dabei eingehalten werden, soll aber voll erforscht werden. Um dies zu erreichen ist Langsamkeit wichtig, da so Bakushi genug Zeit hat, einzugreifen, sollte Ukete die Grenzen des Raums überschreiten.

Halsband-Übung

Die Halsband-Übung ist eine Nawajiri-Übung. Bakushi legt Ukete ein Seilhalsband an, das aus zwei Doppellagen besteht, die locker um den Nacken gelegt und vorne mit einem normalen Knoten geschlossen werden.

Das Halsband muss locker genug sitzen, damit es um den Hals gedreht werden kann und muss ausserdem genug Abstand zu Hals und Gesicht haben, so dass der kurze Bight den Körper nicht berührt. Das würde ablenken und die Übung schwerer machen.

Die Halsband-Übung beginnt im Sitzen, nachdem das Halsband angelegt ist. Bakushi nimmt das Nawajiri in die Hand und beginnt mit der Kommunikation. Es gibt drei Faktoren, mit denen gespielt wird. Der erste ist der Winkels des Seils, der zweite die Seilspannung und drittens der Abstand der Hand zum Halsband.

Kontaktaufnahme über das Nawajiri in der Halsband-Übung

Bakushi und Ukete kommunizieren durch das Seil miteinander. Jede Änderung eines Faktors erzeugt dabei eine Reaktion, und diese Reaktion weist die Richtung, in die es weiter geht. Bakushi und Ukete etablieren so ihre gemeinsame Kommunikation, während das Nawajiri die beiden Körper verbindet und erweitert.

Halsband-Übung, Harukumojuku, 2021
Leichte Veränderungen führen zu Reaktionen. Kommunikation entsteht.

Die Übung wird intensiver, wenn Körper- oder Blickkontakt bewusst verzichtet wird, so dass die einzige Verbindung zwischen Bakushi und Ukete das Nawajiri ist.

Diese Übung ist ein guter Einstieg in eine Shibari-Begegnung und ermöglicht ein intensives Aisatsu-shibari. Die ruhige Interaktion hilft bei der Konzentration und schult das Zuhören. Die eigene Stimmung und Gefühle treten hervor und es entsteht eine Verbindung zwischen Bakushi und Ukete.

Bakushi verändert die Parameter dabei mit Ruhe und Konzentration. Nach jeder Veränderung wartet Bakushi und beobachtet intensiv die Reaktion von Ukete, die sich jetzt ausdrückt. Erst, wenn diese Reaktion vollendet ist, gibt Bakushi den nächsten Impuls.

Dieses Spiel ist zeitlich unbegrenzt und ist nicht nur eine gute Aufwärmübung, sondern auch ein möglicher Start in eine intensive Shibari-Begegnung.

Kata-ashi kaikyaku

Kata-ashi kaikyaku (片足開脚) ist ein grundlegendes Pattern im Yukimura-Ryû. Es ist eine Newaza-Technik aus dem 4. Kyû. Der Kata-ashi kaikyaku ist eine fortgeschrittene Form, die einiges an Technik und Erfahrung voraussetzt. Sie besteht aus der Yukimura-Handschelle und dem Yukimura-Gote.

Bakushi legt dabei den Körper seitlich ab. Dann fixiert Bakushi das oben liegende Bein am Suspensionspunkt. Auf diese Weise wird das Becken geöffnet, so dass ein subtiles Spiel mit Seilspannung und dem Exponieren von Ukete entsteht. Während Bakushi die Position des Beines variiert, dient das Nawajiri als Kommunikationslinie.

Im Grunde ist der Kata-ashi kaikyaku eine Teilsuspension. Dies wird allerdings oft nicht so wahrgenommen, da der Körper fast vollständig auf dem Boden liegt. Die Formsprache nutzt jedoch aktiv den Suspensionspunkt, um Dreiecke und Diagonale zu zeichnen. Diese spiegeln sich in der Position und Haltung des Beines und des Körpers von Ukete.

Kata-ashi kaikyaku, niedrig, Harukumojuku 2021
Kata-ashi kaikyakue, niedrige Position

Obwohl die Grundhaltung entspannt ist, spielt seme eine Rolle. Bakushi hebt oder senkt die Fussgelenke, und erzeugt so Spannung. Kotobazeme ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. Dieses Muster wird oft mit Seilen ausgeführt, die nur 4mm dick sind. So entsteht mehr Druck auf die Stellen, an denen das Seil den Körper berührt und die Impulse durch das Seil werden klarer.

Kata-ashi kaikyaku, hohes Bein, Harukumojuku, 2021
Kata-ashi kaikyaku, hohes Bein

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Pose. Vor allem das obere Bein, das nur am Fussgelenk fixiert ist, spielt eine wichtige Rolle. Die Interaktion zwischen den Partnern muss stimmen, damit anmutige und sinnliche Eindrücke entstehen. Eine Herausforderung dabei ist die nonverbale Kommunikation, die hauptsächlich durch das Nawajiri erfolgt. Das eigene Gefühl richtig zu betonen, so dass das Gegenüber es mit empfindet, ist die Voraussetzung für einen harmonischen Rhythmus.

Kemono

Kemono-Shibari (獣縛り) ist eines der grundlegenden Muster im Yukimura-Ryû. Es erinnert an ein gefangenes Tier, dem die Beine zusammengebunden wurden. Es ist eine der klassischen Bodentechniken (Newaza, 寝技). Es wird bereits im Einsteiger-Bereich unterrichtet und wird stetig weiter verfeinert.

Kemono-Shibari, Foto aus einer Lesson mit Yukimura Haruki, 2015, Tokio
Kemono-Shibari aus einer Lesson im Studio von Yukimura Haruki in Ebisu, Tokio im Jahr 2015

Maete-hikiage shibari

Maete-hikiage shibari (前手引き上げ縛り) bedeutet sinngemäss „Pulling Game“. Bei dieser Übung, die im Sitzen ausgeführt wird, werden die Handgelenke in einer Yukimura-Handschelle zusammengebunden und das Seil durch den Suspensionspunkt (Shiten, 支点) umgelenkt. Danach übt Bakushi Zug auf das Seil aus und führt so die Arme von Ukete nach oben.

Das Ziel ist hierbei jedoch nicht, die Arme einfach direkt komplett zu strecken, sondern durch Kommunikation über das Seil Emotionen zwischen Bakushi und Ukete zu erzeugen. Es geht darum, den Balancepunkt zwischen Bakushi und Ukete zu finden. Die Kommunikation findet genau an diesem Balance-Punkt statt.

Dabei kann es vor und zurück gehen, je nachdem, wie die Dynamik und die Kommunikation sich entfalten.

Maete-hikiage shibari. Eine Nawajiri-Übung aus dem Yukimura-Ryû.

Es gibt kein spezielles Ziel und keine Zeitvorgabe, weil es um das Miteinander geht. Das Maete-hikiage shibari ist eine Aufwärmübung, die Bakushi und Ukete hilft, sich aufeinander einzustellen.

Nawajiri

Nawajiri ist der Begriff für den längeren Teil des Seils. Es wird auch als „laufendes Ende“ bezeichnet. Das Nawajiri kann auch das Ende des Seils kurz vor den Knoten sein. Es kann aktiv für die Kommunikation mit dem Modell genutzt werden und spielt eine grosse Rolle als reale und metaphorische Verbindung zwischen dem Bakushi und dem Modell.

Nawajiri - das laufende Ende des Seils.

Die Arbeit mit dem Nawajiri ist ein wesentlicher Teil der Ausbildung. Vor allem im Yukimura-Ryû spielt es eine prominente Rolle. Dieser minimalistische Stil betont die Tension und setzt eine grosse Sensibilität und Erfahrung voraus.

Semenawa

Semenawa (責め縄) bedeutet „Folterseil“ und wird oft so übersetzt. Je nach Fesselstil (流, Ryû) kann es jedoch abweichende Bedeutungen geben. Körperlicher Schmerz spielt eine grosse Rolle, ist jedoch nicht das einzige Element.

In Europa und den USA wird Semenawa oft mit schmerzhaften Mustern und Suspensions assoziiert. Dabei spielt der kulturelle Hintergrund eine grosse Rolle. Die Übersetzung „Folterseil“ erinnert an mittelalterliche Folterpraktiken, so dass Schmerz ein naheliegendes Thema ist. Gerade Menschen mit einem Hintergrund im BDSM betonen diesen Aspekt häufig. Dies greift jedoch zu kurz. Semenawa ist komplexer und subtiler und weit mehr als nur ein Weg, um mit Seilen Schmerz zu erzeugen.

Ishidaki-Folter der Edo-Zeit.
Ishidaki-Folter aus der Edo-Zeit

Das japanische Wort für mittelalterliche Folter ist Gômon (拷問), was dem deutschen Begriff „hochnotpeinliche Befragung“ entspricht. Die mittelalterliche Folter ist also etwas anderes als reines „Seme“, inspiriert aber im Shibari viele Positionen und Muster.

Im Grunde gibt es zwei Ebenen, die unterschieden werden müssen. Die technische Ebene, also was mit dem Seil gemacht wird, und die emotionale Ebene, also was im Kopf von Ukete erzeugt wird.

Körperliche und mentale Aspekte von Semenawa

Körperlich ist Semenawa grundsätzlich fordernd. Das heisst, es wird restriktiver, enger, mit mehr Seil gearbeitet. Die Körperhaltung wird oft durch das Seil geschaffen und fixiert, so dass wenig Bewegungsspielraum bleibt. Das Seil erzwingt eine Haltung, auch wenn sie anstrengend oder unangenehm ist. Der Körper spürt den Druck, Kompression und Enge im Muster sind ebenfalls wichtige Aspekte dabei.

Mental erzeugt Semenawa ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit. Ukete spürt, dass etwas mit ihm/ihr geschieht, das sich der eigenen Kontrolle weitgehend entzieht. Bakushi formt und führt und folgt dabei dem eigenen Plan, das Seil ist das Werkzeug, das diese Vision realisiert.

Ukete spürt, wie ausweglos die Lage ist und muss die Situation ertragen. Das Ertragen ist hier zentral und bezieht sich nicht nur auf Schmerzen. Die Situation als Ganzes muss einfach ausgehalten werden, egal, wie entblösst, hilflos oder ausgeliefert Ukete ist.

Das Leiden als Motiv

Es geht also um das Leiden als zentrales Element. Ukete soll etwas erdulden, und das nicht nur auf einer Ebene, sondern ganzheitlich. Gezielt körperliches Leid zu betonen, um später eher zu entblössen und so das mentale Leid zu betonen, kann einen besonderen Reiz entstehen lassen, wenn Ukete bereit ist, dem zu folgen.

Wenn es eine starke Präferenz für körperliches Leiden gibt, ist es sinnvoll, sich auf diesen Aspekt zu konzentrieren. Wenn Ukete eher für mentales Leiden oder ambivalente Gefühle empfänglich ist, sollte dieser Aspekt betont werden. In jedem Fall ist beides seme, unabhängig davon, ob es sich um Bodentechniken oder Suspensions handelt oder welches Muster man wählt.

Tension

Tension bedeutet wörtlich „Spannung“. Meist wird damit die Seilspannung gemeint, also wie eng oder locker gefesselt wird. Im Yukimura-Ryû bezieht sich das allerdings auch auf die emotionale Spannung im Modell und dem Bakushi. Beide Aspekte beeinflussen sich gegenseitig und können benutzt werden, um intensive Stimmungen zu erzeugen.

Das komplexe Verhältnis zwischen der Seilspannung und der emotionalen Spannung eröffnet ein eigenes Spielfeld, mit dem sich bereites ganze Sessions gestalten lassen. Wie in vielen anderen Fällen auch sind die Parameter enge/lockere Fesslung und niedrige/hohe emotionale Spannung beliebig kombinierbar.

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